Gestern haben wir eine Tour mit oeffentlichen Verkehrsmitteln durch Manila gemacht und sind in verschiedene Stadtteile gefahren, die gegensaetzlicher nicht sein koennen. In einem Stadtteil steht ein Hochhaus neben dem anderen, aehnlich wie in New York, nur unterbrochen von Strassen und dem ein oder anderen Mall (Einkaufszentrum), alles gebaut auf dem Grund einer der reichsten Familien der Philippinen, dem Ayala-Clan. Noch vor 50 Jahren war dort der Flughafen, dann wurde das Land verpachtet und unvorstellbare Summen in den Bau dieses Geschaeftszentrums investiert. Das Land gehoert noch immer dieser Familie, die es sich leisten kann, in diesem Stadtteil fuer die Umsetzung der Verkehsregeln, extrem saubere Gehsteige und sogar ein Sozialsystem zu sorgen. Wenige Kilometer weiter, in einem anderen Stadtteil, geht man durch riesige Slums, wo unzaehlige Menschen auf kleinstem Raum neben- und uebereinander wohnen, die Waesche vor den Fenstern haengt und der taegliche Verkehr die Strassen verstopft.
Es gibt sie ueberall, diese Gleichzeitigkeiten und Parallelwelten, aber in dieser Stadt werden sie mir wieder einmal deutlich in all ihrer Perversitaet vor Augen gefuehrt. Und trotz der vielen Jahre des entwicklungspolitischen Studiums, der theoeretischen Auseinandersetzung und der Auslandsreisen verstehe ich nicht, warum diese Parallelwelten so stabil existieren. Natuerlich weiss ich, dass es Formen der Macht und das herrschende oekonomische Modell sind, die dies Werkl am Laufen halten. Aber fernab dieser Diagnose verstehe ich es vom Herzen her nicht. Es muss doch etwas geben, das allen Menschen gemeinsam ist und dass wenn man es wuesste, fuer alle umsetzten koennte, um eine gleichberechtigte Welt zu schaffen. Was macht Menschen wirklich und eigentlich zufrieden? Dass es Wohlstand nur bis zu einem gewissen Mass ist, haben schon etliche Gluecksforschungen und Reichtum-Armutsstudien erwiesen. Ich haenge an dieser Frage, weil mich ein Bild besonders beruehrt und immer weider ins Auge faellt. Egal, wohin ich bislang gefahren bin, ob in Europa oder in Asien (und ich nehme mal an, dass diese Beobachtung auch fuer andere Weltgegenden gilt): ueberall sieht man Waesche, die draussen auf einer Leine zum Trocknen haengt. Ich mag dieses Bild, ob ich durch eine italienische Stadt, neben einer riesigen Leine mit Saris vorbei oder eben durch einen Slum in Manila gehe. Denn fuer mich ist ein Sinnbild fuer Vieles (ich moechte jetzt keine kulturhistorische Analyse des Waeschewaschens beginnen, sondern nur beschreiben, was dieses Bild in mir ausloest. Es steht fuer…): das eigene Zuhause, fuer das „Fuer-sich-und-andere-sorgen“, fuer das „ein-Teil-einer-Gemeinschaft-sein“ (denn fuer sich allein koennte man auch getrost dreckig sein und vor sich hinmuffeln). Die Frage nach dem guten Leben stellen sich politische Philosophie, die Religionen und viele soziale Bewegungen schon lange. Wann setzen wir endlich die Antworten um? [Anja]